| Veranstaltung: | Landeskonferenz 2026 |
|---|---|
| Antragsteller*in: | Jusos Unstrut-Hainich-Kreis (dort beschlossen am: 21.08.2026) |
| Status: | Eingereicht |
| Eingereicht: | 21.08.2026, 21:03 |
A15: Migräne ernst nehmen – Forschung, Versorgung und gesellschaftliche Teilhabe verbessern
Antragstext
Migräne gehört mit einer 1-Jahres-Prävalenz von 10 bis 15 % zu den häufigsten
neurologischen Erkrankungen in Deutschland. Im Laufe des Lebens erkranken
deutlich mehr Menschen zumindest zeitweise daran. Weltweit litten 2021 laut
“Global Burden of Disease Study” rund 1,2 Milliarden Menschen an Migräne und 2
Milliarden Menschen an Spannungskopfschmerzen.
Migräne belegt weltweit den zweiten Platz unter allen menschlichen Erkrankungen
bei den mit Behinderung gelebten Lebensjahren, nach Rückenschmerzen, und
Kopfschmerzerkrankungen insgesamt rangierten 2021 als zweithäufigste Erkrankung
weltweit nach Zahnerkrankungen. Vor allem Frauen zwischen 15 und 49 Jahren
weisen die höchsten Erkrankungsraten auf. Gleichzeitig wird Migräne in
Gesellschaft und Arbeitswelt noch immer häufig bagatellisiert, obwohl sie für
Betroffene mit erheblichen Einschränkungen der Lebensqualität sowie hohen
volkswirtschaftlichen Kosten verbunden ist.
Trotz dieser hohen Krankheitslast existiert in Deutschland bislang weder eine
nationale Strategie zur Verbesserung der Versorgung von Menschen mit Migräne
noch eine gezielte, ausreichende Forschungsförderung für primäre
Kopfschmerzerkrankungen.
Menschen mit Migräne treffen zudem auf erhebliche Zugangshürden zur
spezialisierten Versorgung. Bundesweit warten gesetzlich Versicherte im Schnitt
42 Tage auf einen Facharzttermin, wobei aktuelle Befragungsdaten im Auftrag des
GKV-Spitzenverbands zeigen, dass ein Viertel der gesetzlich Versicherten sogar
länger als 30 Tage wartet. Das ist deutlich mehr als beim Hausarzt, wo dies nur
für ein Viertel der Befragten bei einer Wartezeit von über 3 Tagen gilt. Für
Neurologie speziell liegen ausgewertete Terminplattform-Daten vor, wonach
Kassenpatient:innen in Berlin im Mittel 62 Tage auf einen Neurologie-Termin
warten. In ländlichen Regionen ist von deutlich längeren Wartezeiten auszugehen,
da das System der vertragsärztlichen Bedarfsplanung spezialisierte
Fachärzt:innen bewusst in größeren Planungsbereichen zusammenfasst. Je
spezialisierter die Fachgruppe, desto größer der Planungsbereich, wodurch
Versicherten bei hochspezialisierten Fachärzt:innen ausdrücklich längere Wege
zugemutet werden. Die Kassenärztliche Vereinigung Thüringen weist in eigenen
Analysen auf ein überdurchschnittliches Stadt-Land-Gefälle in der ärztlichen
Versorgung des Landes hin. Dass gerade bei Nervenärzt:innen
(Neurologie/Psychiatrie) erheblicher Nachholbedarf besteht, zeigte sich zuletzt
daran, dass bei einer Neuordnung der Bedarfsplanung in Thüringen unter allen
Facharztgruppen die meisten neu geschaffenen Arztsitze auf Nervenärzt:innen
entfielen (21,5 zusätzliche Sitze). Das ist ein deutliches Indiz für einen
strukturellen Versorgungsengpass gerade in dem Fachgebiet, das für die
Migränebehandlung zentral ist.
Moderne Therapieoptionen, etwa die seit einigen Jahren verfügbaren CGRP-
Antikörper, stehen zwar grundsätzlich zur Verfügung, erreichen Betroffene jedoch
nicht überall gleichermaßen. Nur ein kleiner Teil der Menschen mit häufigen
Migränetagen erhält überhaupt eine medikamentöse Prophylaxe.
Besonders problematisch ist, dass Frauen deutlich häufiger betroffen sind als
Männer. In der bevölkerungsrepräsentativen “BURDEN-2020-Studie” des Robert Koch-
Instituts erfüllten 14,8 Prozent der Frauen, aber nur 6,0 Prozent der Männer die
vollständigen Migränekriterien. Geschlechtsspezifische Aspekte, etwa hormonelle
Einflüsse während Menstruationszyklus, Schwangerschaft oder Menopause, sind
wissenschaftlich gut belegt, finden jedoch in Forschung und Versorgung noch
nicht die notwendige Berücksichtigung. So sind in der aktuellen deutschen
Leitlinie zur Migränetherapie zwar eigene Kapitel zu Schwangerschaft, Stillzeit
und menstrueller Migräne enthalten, hormonelle Einflüsse der Menopause auf
Migräneverlauf und -behandlung werden dagegen kaum eigenständig adressiert.
Zudem wird wiederholt auf fehlende Studiendaten für bestimmte Medikamente in
diesen Lebensphasen hingewiesen. Die unzureichende Versorgung von
Migränepatient:innen ist daher auch eine Frage geschlechtersensibler
Gesundheitsversorgung.
Deshalb fordern wir:
Ein bundesweites Förderprogramm für primäre Kopfschmerzerkrankungen, das
Grundlagenforschung, klinische Forschung und insbesondere
Versorgungsforschung gezielt unterstützt. Im Bereich der
Versorgungsforschung sollen dabei insbesondere Diagnosewege, Wartezeiten,
regionale Unterschiede, soziale Ungleichheiten sowie der Zugang zu
modernen Therapieformen untersucht werden. Die Ergebnisse sollen
regelmäßig veröffentlicht werden und als Grundlage gesundheitspolitischer
Entscheidungen dienen.
Den bedarfsgerechten Ausbau des bereits bestehenden Kopfschmerzregisters
der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) zu einer
flächendeckenden, repräsentativen bundesweiten Datengrundlage. Das
Register liefert bereits heute wertvolle Daten wie etwa zur Wirksamkeit
von Akutmedikation bei Migräne aus mehreren Tausend ausgewerteten
Behandlungsfällen, stützt sich bislang jedoch überwiegend auf Daten aus
spezialisierten Zentren und Praxen. Um Versorgungslücken zwischen Stadt
und Land sowie zwischen spezialisierter und hausärztlicher Versorgung
sichtbar zu machen, braucht es eine gezielte öffentliche Förderung, die
eine breitere Anbindung niedergelassener Hausärzt:innen und eine bessere
Bekanntmachung des Registers bei Betroffenen ermöglicht, ähnlich wie es
bereits für andere chronische Erkrankungen (z. B. Krebsregister) etabliert
ist. Dabei sind höchste Standards des Datenschutzes einzuhalten.
Die Entwicklung einer nationalen Migräne-Strategie, die gemeinsam mit
wissenschaftlichen Fachgesellschaften, Patient:innenvertretungen,
Krankenkassen und den Ländern erarbeitet wird. Ziel muss eine
flächendeckend hochwertige, leitliniengerechte Versorgung sein.
Die Stärkung geschlechtersensibler Forschung und Versorgung.
Förderprogramme des Bundes sollen geschlechtsspezifische Fragestellungen
sowie hormonelle Einflüsse auf die Entstehung und Behandlung der Migräne –
einschließlich der bislang unzureichend untersuchten Lebensphase der
Menopause – ausdrücklich berücksichtigen.
Die Verbesserung der ambulanten Versorgung, insbesondere durch den Ausbau
spezialisierter Kopfschmerzambulanzen, telemedizinischer Angebote und
stärkere Fortbildung von Hausärzt:innen im Bereich primärer
Kopfschmerzerkrankungen. Dabei ist besonderes Augenmerk auf
strukturschwache und ländliche Regionen zu legen, in denen die
Bedarfsplanung spezialisierte fachärztliche Versorgung auf größere
Planungsräume verteilt und damit längere Wege und Wartezeiten für
Betroffene in Kauf nimmt.
Bundesweite Informations- und Aufklärungskampagnen, um die
gesellschaftliche Stigmatisierung von Migräne abzubauen und die
Bevölkerung über Symptome, Behandlungsmöglichkeiten und die tatsächliche
Krankheitslast aufzuklären.
Migräne darf nicht länger als bloßes individuelles Gesundheitsproblem betrachtet
werden. Angesichts ihrer hohen Prävalenz, der erheblichen Einschränkungen für
Betroffene sowie ihrer gesellschaftlichen Bedeutung ist sie als
gesundheitspolitische Herausforderung zu behandeln.
Begründung
Erfolgt mündlich.

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