| Veranstaltung: | Landeskonferenz 2026 |
|---|---|
| Tagesordnungspunkt: | 6 Antragsberatung |
| Antragsteller*in: | KV Weimar/ Weimarer Land (dort beschlossen am: 21.08.2026) |
| Status: | Eingereicht |
| Eingereicht: | 25.08.2026, 10:57 |
A38: Thüringen ist mehr als ein Lied - Für kulturelle Vielfalt statt staatlich verordneten Heimatunterricht
Antragstext
Das Rennsteiglied gehört für viele Menschen zu Thüringen. Es ist Teil regionaler
Musik- und Alltagskultur und kann selbstverständlich Gegenstand des
Musikunterrichts sein.
Wenn eine Landesregierung jedoch ein einzelnes Lied verbindlich vorschreibt,
macht sie aus kultureller Bildung ein Bekenntnisritual. Schule sollte aber kein
Ort sein, an dem Zugehörigkeit durch das Mitsingen eines bestimmten Liedes
gelernt oder bewiesen wird. Sie soll junge Menschen viel ehern dazu befähigen,
Kultur selbstbestimmt, kritisch und kreativ zu erschließen.
Dass jetzt ausgerechnet Mario Voigt diese Politik vorantreibt, passt in ein
zunehmend erkennbares Muster. In einem Meinungsbeitrag in der Welt, warb er
dafür, dass im Radio mehr „deutsche Musik“ laufen solle. Dass dieser gemeinsame
Meinungsbeitrag mit dem Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt Sven Schulze,
mutmasslich eigentlich von einer KI verfasst wurde, macht die Forderung nach
einer „Musik in deutscher Sprache“-Quote nur noch absurder.
Nun soll mit der verpflichtenden Verankerung des Rennsteiglied im Lehrplan der
der 5./6. Klasse der nächste Baustein folgen: erst die Forderung nach nationalen
Kulturquoten im Rundfunk, dann staatlich verordnete Heimatfolklore im
Klassenzimmer.
Das ist kein Konzept für kulturelle Bildung, sondern Kulturkampf-1x1: komplexe
gesellschaftliche Fragen auf vermeintlich eindeutige Symbole reduzieren und
daraus eine gesellschaftlich-politische Zugehörigkeitsprüfung machen.
Thüringen ist kulturell vielfältig.
Seine Kulturgeschichte besteht eben nicht allein aus Wanderromantik und
tradierten Heimatbildern. Sie umfasst unter anderem klassische Musik und
Kirchenmusik ebenso wie Arbeiter:innenkultur, demokratische Protesttraditionen,
Bauhaus-Moderne, Popmusik, migrantische Kultur und die kulturellen Erfahrungen
derjenigen, die Thüringen heute zu ihrem Zuhause machen.
Das Problem ist nicht das Rennsteiglied. Das Problem ist die Erhebung eines
Liedes zum staatlich angeordneten Pflichtstoff. Lehrkräfte kennen ihre
Lerngruppen, ihre schulischen Bedingungen und die fachlichen Ziele ihres
Unterrichts. Sie brauchen keine Ansagen aus der Staatskanzlei darüber, welches
Lied Kinder singen sollen, sondern Zeit, Ressourcen und pädagogische Freiheit.
Kulturelle Bildung bedeutet Teilhabe. Sie bedeutet, Musik zu hören, zu machen,
zu hinterfragen und neu zu gestalten. Sie bedeutet auch, darüber zu sprechen,
welche Vorstellungen von Heimat und Zugehörigkeit in Liedern vermittelt werden,
und wer darin vorkommt oder unsichtbar bleibt. Das Rennsteiglied kann hierfür
ein geeigneter Anlass sein. Es darf jedoch nicht zum Ersatz für eine ernsthafte
Kultur- und Bildungspolitik werden.
Deshalb fordern die Jusos Thüringen die Thüringer Landesregierung und
insbesondere das Thüringer Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur auf,
- die verbindliche Vorgabe zurückzunehmen, nach der Schüler:innen bestimmter
Klassenstufen das Rennsteiglied im Musikunterricht erlernen und singen
sollen;
- keine einzelnen Lieder, Texte oder kulturellen Erzeugnisse als
verpflichtende Inhalte im Unterricht vorzuschreiben;
- die pädagogische und fachliche Freiheit der Lehrkräfte bei der Auswahl von
Liedern und Unterrichtsmaterialien im Rahmen der Lehrpläne zu sichern;
- gemeinsam mit Musiklehrkräften, Schüler:innenvertretungen,
Elternvertretungen, freien Kulturträgern und Musikdidaktiker:innen ein
freiwillig nutzbares multiperspektivisches Materialangebot zur Thüringer
Musik- und Kulturgeschichte zu entwickeln.
- statt Symbolpolitik die strukturellen Bedingungen für guten
Musikunterricht zu verbessern: durch ausreichend ausgebildete
Musiklehrkräfte, eine verlässliche Unterrichtsversorgung, geeignete
Fachräume, Instrumente und die Erleichterung von Kooperationen mit
Musikschulen sowie anderen Kulturakteur:innen.
