| Veranstaltung: | Landeskonferenz 2026 |
|---|---|
| Antragsteller*in: | Jusos Jena (dort beschlossen am: 20.08.2026) |
| Status: | Eingereicht |
| Eingereicht: | 22.08.2026, 17:04 |
A22: Finanzwissen ist Klassenfrage - Für mehr finanzielle Bildung an unseren Schulen
Antragstext
Die Finanzwirtschaft ist ein prägender Teil unserer Wirtschaft und Gesellschaft.
Trotzdem verlassen die meisten jungen Menschen die Schule, ohne je gelernt zu
haben, wie Zinsen, Kredite, Versicherungen oder Kapitalmärkte funktionieren.
Dieses Wissen wird stattdessen nur dort weitergegeben, wo es bereits vorhanden
ist. Wer aus einem Elternhaus mit Depot kommt, lernt früh, wie Vermögen entsteht
und wächst. Wer aus einem Elternhaus kommt, in dem am Monatsende gerechnet
werden muss, lernt vor allem, dass Geld Angst macht. Finanzielle Bildung ist
damit eine Frage der Verteilungsgerechtigkeit!
Die Lücke, die die Schule lässt, füllen selbsternannte Finfluencer,
provisionsgetriebene Vertriebsstrukturen, dubiose Coaching-Angebote und Krypto-
Versprechen. Wer nichts über Finanzen weiß, ist ihnen ausgeliefert. Und wer die
Finanzwirtschaft nicht versteht, kann sie auch politisch nicht kontrollieren.
Die Finanzmärkte sind kein Naturgesetz. Sie sind menschengemacht, folgen
politisch gesetzten Regeln, weshalb es möglich ist, diese politisch zu
gestalten. Dieses Verständnis fehlt heute vielen Menschen. Die Finanzwirtschaft
erscheint als das große Unbekannte, als undurchschaubare Sphäre von
Expert*innen, in die man sich besser nicht einmischt. Die Einarbeitung in diese
Themen scheint sogar für Politiker*innen so komplex zu sein, dass Ansätze der
politischen Einflussnahme oft gar nicht erst versucht werden oder durch massiven
Einfluss von Interessensgruppen abgeschwächt werden. Diese gefühlte Ohnmacht ist
politisch fatal!
Ein kritisches Grundverständnis der Finanzwirtschaft ist deshalb notwendig, um
demokratisch auf die Finanzmärkte einwirken zu können. Wer weiß, wie Banken Geld
schöpfen, wie Spekulation funktioniert und wie die Finanzkrise 2008 entstehen
konnte, versteht auch, warum Regulierung, Aufsicht und eine gerechte Besteuerung
von Kapitalerträgen und Finanztransaktionen notwendig sind. Banker:innen und
Konzerne können nur so lange machen, was sie wollen, wie die Mehrheit sich nicht
zutraut, ihnen auf die Finger zu schauen.
Kritik und eigene Teilhabe sind dabei kein Widerspruch, sondern zwei Seiten
derselben Emanzipation! Gerade junge Menschen aus Arbeiter:innenfamilien sollen
sich ohne Angst und ohne teure Fehlentscheidungen in der Finanzwelt bewegen
können. Es geht dabei nicht darum, dass jede:r wissen soll, wie richtig an
Börsen spekuliert wird. Es geht um ein allgemeines Verständnis von Finanzen.
Dies beginnt bei der Einordnung von Verträgen und Versicherungen und geht mit
der Altersvorsorge über die Grundlagen des Kapitalmarkts. Vorsorge und
Vermögensaufbau dürfen kein Privileg derer sein, die es von zu Hause
mitbekommen!
Dazu gehört auch, aktuelle sozialpolitische Reformdebatten überhaupt bewerten zu
können. Wer die Funktionsweise kapitalgedeckter Vorsorge versteht, kann
einordnen, warum Projekte wie eine solidarisch ausgestaltete Kapitalrente die
gesetzliche Rente sinnvoll ergänzen können oder wo sich neoliberale
Privatisierungsfantasien in die Rentendiskussion einschleichen. Diese
Unterscheidung zu treffen, ist ohne finanzielle Grundbildung schlicht nicht
möglich. Eine mündige Gesellschaft braucht Bürger:innen, die solche Debatten
führen können.
Klar ist für uns dabei: Finanzielle Bildung ersetzt keine Sozialpolitik und der
Finanzkapitalismus muss weiterhin überwunden werden! Wer von Armut betroffen
ist, ist nicht schlecht informiert, sondern hat zu wenig Geld. Die neoliberale
Erzählung, jede:r sei ihres bzw. seines Glückes Schmied und Armut sei ein
individuelles Versagen, weisen wir entschieden zurück. Gute Löhne, ein starker
Sozialstaat, eine gerechte Verteilung von Vermögen bleiben die Voraussetzung
dafür, dass finanzielle Bildung überhaupt etwas nützt. Aber eben weil das so
ist, dürfen wir das Feld der Finanzbildung nicht denen überlassen, die daraus
ein Verkaufsgespräch machen!
Die Jusos Thüringen fordern daher:
- Finanzielle Bildung wird verbindlicher Bestandteil der Thüringer
Lehrpläne, und zwar an allen Schulformen.
- Die Inhalte umfassen sowohl praktische individuelle Kompetenzen
(Haushaltsplanung, Konten, Kredite und Schuldenprävention, Verträge,
Versicherungen, Steuern, Altersvorsorge, Grundlagen von Aktien, Fonds und
ETFs) als auch kritische Finanzmarktkompetenz (Funktionsweise von Banken
und Kapitalmärkten, Geldschöpfung, Spekulation und Finanzkrisen,
Regulierung und Besteuerung von Kapital sowie die Verteilung von Vermögen
in Deutschland).
- Finanzielle Bildung an Schulen erfolgt unabhängig von den
Verkaufsinteressen der Finanzindustrie. Unterrichtsmaterialien und
externen Angeboten von Banken, Versicherungen und Finanzvertrieben mit
Produktbezug haben im Klassenzimmer nichts verloren. Stattdessen sind
Verbraucherzentralen, Schuldner:innenberatungen und unabhängige
Bildungsträger als Kooperationspartner*innen heranzuziehen.
- Lehrkräfte erhalten verpflichtende Fort- und Weiterbildungsangebote zur
finanziellen Bildung, damit die Inhalte fachlich fundiert und didaktisch
gut vermittelt werden können. Das Land stellt hierfür die notwendigen
Mittel bereit.
Begründung
erfolgt mündlich

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